Korken knallen
Stühle rücken
Blaue Blume pflücken
Messer zücken
Aus.
Korken knallen
Stühle rücken
Blaue Blume pflücken
Messer zücken
Aus.
Zwei Diktaturenkinder
Auf einem Roller brausen durch die Nacht
und die große dunkle Stadt.
Wie es kam?
Der eine: Evin mit fünf Jahren und der kleinen Schwester
Die weinte.
Die andere: Wohl behütet, wie er, von den Büchern
Ganz oben im Regal.
Unter dem Radar mit der einzigen Angst vor
Fremden Stimmen, die Merkwürdiges verlangten.
Mein Helm sitzt schief und deine tief ins
Gesicht gezogene Kapuze nimmt dir die Sicht.
An der Ecke lauert die Polizei, mal wieder.
Doch wir lachen und verstecken uns, mal wieder.
Hinter der übergroßen Eistüte aus Pappmaché.
Denn Kinder sind wir immer noch.
Endlich mal einer, der was tut: dieser isländische Vulkan sollte eine Ehrenmitgliedschaft bei UNEP oder zumindest beim WWF bekommen bei den tausenden Tonnen an Kerosin, die da mal so eben eingespart werden…
Es ist Mittwoch und I´m feeling lucky. Die alte Lottofrau ist mir über die letzten dreißig Jahre eine traute Freundin geworden. “Und Mademoiselle Poulain, wie immer?” “Wie immer.” Ich krame den letzten aus den Ferien über gebliebenen Bibliothekseuro aus meinem Portemonnaie und freue mich. Ich bin schon im Weggehen, da ruft sie mir hinterher: “Ach, sagen Sie, könnten Sie mir einen Gefallen tun?” Jetzt kommt es doch wieder, denke ich. Reflexartig ziehe ich schon meinen Ausweis hervor, damit sie sich von meiner Über-Volljährigkeit überzeugen kann. Aber sie schaut nur verdutzt und hält mir dann eine abgewetzte Unterschriftenliste unter die Nase. “Also, ich hab denen das drüben versprochen” beginnt sie etwas umständlich. Dann erklärt sie mir relativ ausführlich aber nicht uncharmant, dass “die” jetzt ein neues Gesetz planen, das es Rothaarigen verbietet, ins Solarium zu gehen und sie ginge ja auch jeden zweiten Tag ins Solarium und sei zwar nicht rothaarig sondern blond, das würde ich ja sehen (lachen), aber sie fände es trotzdem eine Unverschämtheit, was sich “die da oben” wieder ausgedacht hätten und das wäre ja überhaupt die totale Diskriminierung und soweit sie wüsste gäbe es ja sogar ein europäisches Gesetz gegen Diskriminierung, sie habe sich da schon mal kundig gemacht, aber jedenfalls hat sie jetzt denen drüben aus ihrem Solarstudio versprochen, heute noch 100 Unterschriften zu sammeln, damit sich da trotzdem auch in Zukunft die Rothaarigen und auch die mit Sommersprossen sonnen dürften. Erwartungsfroh hält sie mir die handgemalte Liste hin: mein Krakel landet auf Platz 4… Den kleinen Vortrag über Selbstbestimmung und bürgerschaftliches Engagement erspare ich ihr und mir, dafür ist meine Laune inzwischen viel zu gut. Und was soll ich sagen? Der liebe Gott belohnt tatsächlich unsere guten Taten: 2er plus Zusatzzahl, Mädels, die nächste Runde geht auf mich, auch wenn ihr nur blond seid!
Kleine Fünfzehnjährige trägt ihre schlecht imitierten Attribute arrivierten Wohlstands durch hypothetische Räume. Traurig.
Bier ist mein Gemüse. Brüller.
Am Bahnhof stehen noch die alten Schilder in Frakturschrift und ich frage mich kurz, ob dahinter mehr Absicht oder mehr Zufall stehen. Der See selbst ist zugefroren, ein Paar überquert ihn im Schneckentempo auf Langläufern, ein anderer kehrt mit Bohrer und Eimer vom Eisangeln heim. Ob er etwas gefangen hat heute? Meine Spuren zum Ufer verwischen sich mit anderen, älteren. Noch ältere führen in die Archive im Keller. Dort sind auch die Schließfächer und die an jeder Ecke wohlmeinend angebrachten Hinweisschilder, gleich neben der Überwachungskamera. “Exit”. Ändert man nur einen Buchstaben, wird daraus die Option, die jenen final genommen wurde, über deren Schicksal hier, in diesem grausamen Idyll, die Hinterlasser der alten Spuren im Schnee damals im Winter entschieden.
Am Wittenbergplatz wirbt ein Juwelier mit einem ganz besonderen Service um Kunden: “Treueaktion für Trauringe!” Ob sich das Angebot auf Neukunden beschränkt, war leider nicht ersichtlich.
Jemand müsste mal ein Buch schreiben über den ersten Chalchanauten, der im Jahre 2655 zurück auf die Erde kommt und sich als zweites Standbein zu seiner Chalchanautenrente mit der Organisation geführter Touren durch die post-antiken Rouinen Mitteldeutschlands über Wasser hält.
Zur Entspannung besuche ich hin und wieder gern das große skandinavische Möbelhaus. Manchmal finde ich sogar die ein oder andere Kleinigkeit zum Erwerb, so auch neulich. In Anbetracht der haferkeksverkrümelten Kleinfamilien mit bis Anschlag vollgestopften Einkaufswagen entschloss ich mich jedoch, zum ersten Mal eine der neuen Selbstbedienungskassen auszuprobieren. Auch die so sozialstaatsverwöhnten Skandinavier müssen in der Krise offenbar an den Personalkosten sparen. Trotz Expressversprechung hatte sich auch hier eine kleine Wartetraube gebildet. Glücklicherweise jedoch nahm einer der Möbelhauskapos seinen Job besonders ernst: Die Frau vor mir hatte es doch gewagt, sich in die Pay-Area zu drängeln, obwohl noch alle SB-Desks besetzt waren, geradezu eine Unverfrorenheit! “Gute Frau, bitte zurückgehen!” Leicht irritiert geht die gute Frau ein paar Schritte rückwärts. “Noch ein Stück!” Mimisches Fragezeichen in ihrem Gesicht. Ich lächle sie an. “Noch weiter, hinter die weiße Linie” herrscht der Bubi. Der Begriff “transgenerationelle Tradierung” schwirrt grinsend durch mein Gehirn. Die Frau dreht mit ihrer Packung Teelichter und den zwei grünen Sofakissen entnervt Richtung Normalokasse ab. Mich lässt er in Ruhe, so akkurat wie meine Fußspitzen an der weißen Linie, die das Hier vom Drüben trennt, ausgerichtet sind. Zur Abrundung des Kurzurlaubs hole ich mir ein Softeis und ein Erfrischungsgetränk, das man sich seit neuestem laut Schild auch offiziell kostenlos wieder auffüllen darf und steuere damit einen der gemütlichen Stehtische an. Ich sehe niemanden, nur einen leeren Pappbecher, der verlassen auf dem Tisch rumsteht, mir aber verdächtig hätte vorkommen sollen. “Hier stehen wir aber schon!” Im Umdrehen erblicke ich eine leicht adipöse Dame mit zwei großzügig belegten Hotdogs bewaffnet und ihrem Hans oder Ingo oder Rolf samt Dackelblick im Schlepptau. Offenbar gilt das Handtuch-Liegestuhl-Prinzip jetzt sogar in Smaland. Mir entfährt ein unkontrolliertes “Na und?”, dennoch fliehe ich schnell in Richtung der einladenden Wohnzimmerecke im Ausgangsbereich und lasse mich und mein Softeis in die weichen Polster sinken. Jemand tippt mir auf die Schulter. Mit mahnendem Gesicht zeigt er in Richtung der kleinen Aufkleber, die an der sich neben mir drehenden Glastür pappen. Der eine zeigt einen rot umkreisten, durchgestrichenen Pappbecher, der andere ein ebenso gestaltetes kleines Softeis. Beim nächsten Mal also doch lieber Haferkekse.